Roboter sollten Menschen Vorrang lassen, nicht umgekehrt
Eine 78-jährige emeritierte Professorin wurde festgenommen, weil sie sich vor einen Lieferroboter stellte. Eigentlich geht es darum, wem der Gehweg gehört und wer weichen muss.
Foto: Christopher Down / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)
Für wen ist der Gehweg da? Wenn eine 78-Jährige in Handschellen abgeführt werden kann, weil sie auf einem Gehweg vor einer Maschine steht, dann hat sich die Antwort still verändert, und abgestimmt hat darüber offenbar niemand.
Die Fakten sind schnell erzählt. Carolyn Marvin, emeritierte Professorin an der Annenberg School of Communication der Penn, wurde am 14. Oktober in Philadelphias Stadtteil Center City von der Polizei angesprochen, wie The Daily Pennsylvanian berichtet. Zeugen hatten wegen eines Streits zwischen ihr und einem Uber-Lieferroboter angerufen. Laut Polizei ignorierte sie die Aufforderung, dem Roboter aus dem Weg zu gehen, und wurde wegen Störung der öffentlichen Ordnung festgenommen. Marvin sagt, sie habe gegen diese Roboter protestiert, indem sie sich jedes Mal vor sie stellte, wenn sie einen sah. Nach ihren Worten wollte sie „auf einem öffentlichen Gehweg öffentlich meinen Protest gegen Lieferroboter zum Ausdruck bringen“, wie KY3 berichtet. Sie sieht darin Meinungsfreiheit und kündigt an, weiterzumachen.
Die Festnahme ist ein Symptom, nicht die eigentliche Geschichte
Was auch immer man von ihrer Taktik hält: Man sollte sich ansehen, wie der Vorfall dargestellt wurde. Eine Person auf einem öffentlichen Gehweg war die Störung. Eine Maschine bei einer kommerziellen Lieferung war die gestörte Partei. Wir finden, das ist verkehrt herum, und es verweist auf eine politische Frage, nicht auf ein persönliches Versagen.
Gehwege gehören zu den wenigen wirklich gemeinsam genutzten Teilen der städtischen Infrastruktur. Sie gehören Fußgängern, Rollstuhlfahrern, Kinderwagen, Hunden und Kindern auf Rollern. Lieferroboter sind private, kommerziell genutzte Geräte, die diesen gemeinsamen Raum nutzen. Wir wissen nicht, welche Genehmigungen oder Regeln Philadelphia dafür hat, und wollen nicht spekulieren. Es sieht aber so aus, als sei die Technik zuerst da gewesen und die Frage, wer Platz macht, werde zumindest in diesem Fall von einem Polizisten beantwortet.
„Vorrang für Menschen“ sollte der Standard sein
Eine gute Regel ist nicht kompliziert. Steht ein Mensch vor einem Lieferroboter, hält der Roboter an, wartet oder fährt außen herum. Das würden wir auch von jemandem erwarten, der einen Karren schiebt, und es ist das Mindeste, was man von einer Maschine verlangen sollte, die die Lieferungen eines Unternehmens erledigt. Unserer Ansicht nach sollte der Tatbestand der Störung der öffentlichen Ordnung denen vorbehalten sein, die die öffentliche Ordnung tatsächlich stören, nicht jemandem, der ein kommerzielles Gerät behindert und allenfalls lästig ist.
Es gibt auch ein praktisches Argument. Wenn Roboter nur funktionieren, solange ihnen nie jemand im Weg steht, sind sie nicht reif für Gehwege. Dass Fußgänger, ein Demonstrant oder jemand, der einfach stehen bleibt, um sich den Schuh zu binden, sie aufhalten, gehört zum Alltag in dieser Umgebung. Das als Straftat zu behandeln, verlagert ein Designproblem vom Unternehmen auf den Bürger.
Ihr eigentliches Anliegen sind Arbeitsplätze, und das verdient Gehör
Marvin hat gesagt, sie protestiere, weil die Roboter menschlichen Lieferdiensten die Arbeit wegnähmen, so die Daily Mail. Man kann diese Sichtweise ablehnen. Roboter können Kuriere ergänzen oder ersetzen, und dieser Fall entscheidet das nicht. Doch die Debatte gehört in die Öffentlichkeit, mit Stadträten und Anwohnern am Tisch. Sie sollte nicht dadurch entschieden werden, dass ein Unternehmen zuerst Fakten schafft und eine Konfrontation auf dem Gehweg den Rest regelt.
Auch die Grenzen sollten wir offen benennen. Es handelt sich um eine Festnahme und eine Demonstrantin, und viele Anwohner sind womöglich ganz zufrieden damit, dass ein Roboter ihnen das Mittagessen bringt. Nichts hier belegt, dass Roboter breiten Schaden anrichten. Das Argument ist enger gefasst: Welche Vorteile es auch gibt, öffentlicher Raum sollte nicht standardmäßig abgetreten werden.
Unser Urteil
Städte sollten dafür sorgen, dass klare Regeln existieren, bevor der nächste Vorfall eintritt, nicht danach. Dazu gehören ein eindeutiger Vorrang für Menschen, Obergrenzen dafür, wie viele Roboter wo fahren dürfen, und eine Beschwerdemöglichkeit für Anwohner. Die Polizei sollte nicht der Vollzugsarm einer Lieferapp sein. Ob Marvin ihr Argument der Meinungsfreiheit vor Gericht durchsetzt, ist offen. So oder so hat sie etwas Wichtigeres sichtbar gemacht als ihren eigenen Fall: Wenn ausgerechnet eine Rentnerin auf einem öffentlichen Gehweg weichen muss, haben wir die Frage, für wen Gehwege da sind, beantwortet, ohne sie je gestellt zu haben.
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