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Teknosfera-Redaktion
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200.000 Kreativjobs verloren: KI ist das Alibi, nicht die ganze Tat

In den USA sind binnen vier Jahren über 200.000 Kreativjobs weggefallen. Wer alles auf KI schiebt, erspart Managern aber unbequeme Fragen zu ihren eigenen Entscheidungen.

Veröffentlicht
25. Oktober 2026
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4 min
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KI-generiertes Bild

Hat eine Geschichte einen Bösewicht mit zwei Buchstaben, verbreitet sie sich schnell. „Amerika hat 200.000 Kreativjobs verloren, und die KI ist schuld“ ist ein sauberer, leicht teilbarer Satz und unserer Ansicht nach nur zum Teil wahr. Für diejenigen, die die Entlassungen beschlossen haben, ist er außerdem äußerst bequem.

Die Zahl stammt aus einer Analyse von Joseph Politano bei Apricitas. Demnach haben die USA in den vergangenen vier Jahren mehr als 200.000 Stellen in „kreativen“ Branchen verloren, rund 50.000 davon im letzten Jahr. Brad DeLongs „Chart of the Day“ formuliert es so: 200.000 bezahlte Stellen in den kreativen Künsten weniger als auf dem Höchststand nach der Pandemie. Die Diskussion auf Hacker News dazu drehte sich sofort um die Frage, wie viel davon auf KI zurückgeht. Bei dieser Frage sollte man vorsichtig sein.

Der Zeitpunkt legt etwas nahe, ist aber kein Urteil

Der Rückgang wird ab Mitte 2022 gemessen, und genau da nahm auch der Einsatz von KI Fahrt auf. Das ist eine Korrelation, und nichts in den von uns geprüften Unterlagen belegt eine Kausalität. Ein Kommentator auf Hacker News fragte sich, wie viel mit neuen, allgemein technologiebezogenen Fähigkeiten zu tun hat – ein berechtigter Zweifel. Wir würden ergänzen, dass dieser Zeitraum direkt nach dem Höhepunkt der Pandemiezeit beginnt, sodass ein Teil des Rückgangs schlicht eine Normalisierung nach diesem Hoch sein könnte. Das ist unsere Hypothese, kein Befund. Die Unterlagen schlüsseln die 200.000 nicht nach Ursachen auf; niemand kann also seriös sagen, wie groß der KI-Anteil ist. Wer eine genaue Prozentzahl nennt, will etwas verkaufen.

Was die Belege tatsächlich zeigen, ist enger gefasst und glaubwürdiger. Der Aggregator jobsdata.ai gibt an, die bislang beobachtete Verdrängung in Design, Texten und Marketing liege bei etwa 10,7 Prozent, und warnt, dass seine Quellen Unterschiedliches messen. Außerdem verweist er darauf, dass Freelance-Plattformen wie Upwork und Fiverr einen Rückgang des Volumens traditioneller kreativer Aufträge um 20 bis 30 Prozent gemeldet haben. Das ist zur Massenware gewordene Arbeit: vorlagenbasiert, auf Einsteigerniveau, billig. Wir halten das für die Schicht, die die KI zuerst trifft.

Die größere Geschichte könnte ein Markt mit weniger Platz sein

Schaut man, was die Umfragedaten über die Kreativen selbst sagen: Die Umfrage von Creative Boom unter 882 Fachleuten ergab, dass knapp 47 Prozent der Selbstständigen weniger als 30.000 Pfund im Jahr verdienen, 69 Prozent Burnout erlebt haben und 50 Prozent sich finanziell unsicherer fühlen als vor einem Jahr. 86 Prozent nutzen KI-Tools, aber nur 10 Prozent halten deren Auswirkungen auf die Branche für positiv. Die Zusammenfassung der Umfrage lautet: „Kreative weigern sich nicht, KI zu nutzen; sie übernehmen sie, weil sie das Gefühl haben, es zu müssen.“ Das ist nicht das Bild von Beschäftigten, die von einer Wundermaschine verdrängt werden. Es ist das Bild eines unter Druck stehenden Berufsstands, der unter Zwang ein Werkzeug übernimmt.

Der Anreiz, auf die KI zu zeigen, ist indessen offensichtlich. Die LA Times berichtet über eine Luma-Studie unter 760 kreativen Fachkräften in den USA: 53 Prozent der Befragten auf Markenseite erwarten, dass ihre Organisationen die Ausgaben für Agenturen senken, weil interne KI-Tools mehr Arbeit im eigenen Haus ermöglichen, während 55 Prozent der Befragten aus Agenturen erwarten, dass KI höhere Honorare rechtfertigt. Dieselbe Technologie, gegensätzliche Erwartungen. Unsere Lesart: „KI“ ist inzwischen ein praktisches Etikett für Budgetkürzungen, die sonst eine unbequemere Erklärung bräuchten. Ein Team abzubauen, weil „sich die Technologie verändert hat“, klingt nach Zwangsläufigkeit; es abzubauen, weil man bessere Margen will, klingt nach einer Entscheidung.

Wir müssen offen sagen, was die Unterlagen nicht abdecken. Sie liefern keine Daten zur Streaming-Ökonomie, zur Medienkonzentration oder zu Produktionsbudgets in diesem Zeitraum, weshalb wir diese Zahlen hier nicht zeigen können. Unser Verdacht, dass sie eine Rolle spielen, ist eine Interpretation, kein Befund. Es ist eine Hypothese, die geprüft werden sollte, und wer behauptet, KI sei die ganze Antwort, müsste sie zuerst ausschließen.

Der eigentliche Schaden der KI könnte Masse statt Qualität sein

Ein Ergebnis beunruhigt uns mehr als die Entlassungen. Eine Studie zu 14.419 im Selbstverlag erschienenen Genre-Romanen auf Amazon, zitiert von jobsdata.ai, stellte fest, dass die Zahl der Bücher mit Verkäufen in einem Quartal zwischen 2023 und 2026 auf das 19,2-Fache wuchs, der Quartalsumsatz aber nur auf das 8,9-Fache; der Umsatz pro verkauftem Buch sank also. Die Autoren folgern, generative KI könne einen kreativen Markt „durch Masse statt durch Qualität“ umformen. Unser Fazit: Wer einen Markt überschwemmt, kann die Einkommen aller verwässern, auch die derer, deren Arbeit von keinem Modell berührt wird.

Das passt zu einem breiteren Muster. Das PwC-Barometer 2026 argumentiert, KI könne dort Beschäftigung ausweiten, wo sie Wachstum ermöglicht, und BCG erwartet, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren 50 bis 55 Prozent der US-Jobs umgestaltet werden und 10 bis 15 Prozent innerhalb von fünf Jahren oder womöglich später wegfallen könnten. Das sind Prognosen, keine Messungen, und sie beziehen sich nicht speziell auf kreative Arbeit. Dennoch weisen sie in dieselbe Richtung: erst Umgestaltung, später und ungleichmäßig der vollständige Ersatz.

Unser Fazit

Fragen wir nicht länger, ob die KI die 200.000 Jobs genommen hat. Fragen wir, welche davon ein Unternehmen bewusst gestrichen hat und welche in einem aus anderen Gründen unter Druck stehenden Markt verschwunden sind. Für Beschäftigte lautet die praktische Lehre, weder dem Untergangsszenario noch dem Achselzucken der Konzerne zu trauen: KI setzt die zur Massenware gewordene kreative Arbeit tatsächlich unter Druck, aber „der Algorithmus war’s“ ist auch ein sehr gutes Alibi. Für Journalisten und Analysten gilt, eine Aufschlüsselung einzufordern, die wir im geprüften Material nicht finden konnten. Solange niemand Ursache und zeitliches Zusammentreffen trennt, sollte man jede Schlagzeile mit nur einem Schuldigen skeptisch betrachten – auch die, die uns hierhergeführt hat.

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