Mathematiker können KI nicht wegboykottieren, aber der Versuch ist berechtigt
Die Selbstverpflichtung der Association for Human Mathematics verteidigt etwas Reales. Doch Verzicht hält KI nicht auf; entscheidend sind Verifikation und Anerkennung.
Foto: Wallpoper / Wikimedia Commons (Public domain)
Ist es ein Zunftreflex, wenn ein Berufsstand Nein sagt zu der Maschine, die seine Arbeit übernehmen will? Manchmal. Doch wenn dieser Berufsstand die Mathematik ist, die einzige Disziplin, in der „Vertrau mir“ kein akzeptables Argument ist, sollten wir den Einwand zumindest anhören.
Das ist geschehen: Wie t3n berichtet, haben sich mehr als 1.000 Mathematiker über die neu gegründete Association for Human Mathematics (AHM) verpflichtet, vollständig auf KI zu verzichten. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Mathematik als menschliches Unterfangen zu schützen und die Community unabhängig von Konzerninteressen zu halten. Die schärfste Kritik richtet sich gegen Unternehmen wie OpenAI. Laut The Decoder wirft die AHM OpenAI vor, mit der Veröffentlichung KI-generierter Beweise zentrale Normen der wissenschaftlichen Forschung zu missachten, und fordert Mathematiker auf, nicht mehr mit dem Unternehmen zusammenzuarbeiten. Euronews berichtet, OpenAI habe auf die Kritik mit einer Spende von fünf Millionen reagiert.
Der Einwand betrifft Normen, nicht Nostalgie
Die naheliegende Lesart lautet, Mathematiker hätten Angst, automatisiert zu werden. Wir halten das für eine Verkürzung dessen, was die AHM tatsächlich sagt. Die Beschwerde lautet, so wie die Gruppe sie formuliert: Ein Unternehmen hat eine große Menge an Beweisen veröffentlicht, um die die Community nie gebeten hat, und nun soll sie diese verdauen. Die Linie der AHM selbst lautet, wie Euronews sie zusammenfasst, dass Mathematiker diese Arbeit nicht in Auftrag gegeben haben.
Das ist wichtig, weil die Mathematik auf einem sozialen Prozess beruht. Ein Beweis gilt, wenn andere ihn lesen, prüfen und mit ihrem Namen dafür einstehen. Unserer Ansicht nach droht ein Labor, das Ergebnisse in industriellem Umfang veröffentlicht, die Prüfkosten auf die Gutachter der Community abzuwälzen. Das ist ein berechtigter Vorwurf, und eine Spende beantwortet ihn nicht. Einen Scheck an die Gemeinschaft auszustellen, die man gerade belastet hat, wirkt eher wie Public Relations als wie ein Begutachtungssystem.
Ein Verzichtsversprechen ist ein schwacher Hebel
Nun der unbequeme Teil. Eine Selbstverpflichtung ist eine Werteerklärung, und eine gute. Aber sie ist ein untaugliches Instrument, um eine Technologie zu steuern, die andere weiterentwickeln und nutzen werden.
Es gibt sogar ein Definitionsproblem. Ein Medium merkt an, dass die Debatte bis zu der Frage reicht, was überhaupt als KI-Nutzung gilt. Ist ein Chatbot tabu, der ein Lemma erklärt? Eine Suchmaschine mit Ranking per maschinellem Lernen? Eine Selbstverpflichtung, die diese Grenze nicht sauber ziehen kann, dürfte schwer durchzusetzen und leicht zu verspotten sein. Das ist unsere Prognose, kein dokumentiertes Ergebnis.
Dann gibt es den Hörsaal, wo Verzicht schon jetzt wie ein verlorenes Spiel aussieht. Wie t3n berichtet, sieht Richard Borcherds von der UC Berkeley keinen Sinn mehr darin, die Hausaufgaben seiner Studierenden zu benoten, weil sich KI-Nutzung nicht mehr vermeiden lässt. Eine Umfrage der Hochschule Darmstadt ergab, dass 92 Prozent der Befragten in Deutschland Tools wie ChatGPT zumindest gelegentlich nutzen. Diese Umfrage bezieht sich nicht speziell auf die Mathematik, doch wir vermuten, dass auch die nächste Generation von Mathematikern mit diesen Werkzeugen lernt, was immer die erfahrenen Forscher versprechen. Ein Berufsstand, der sich aus dem Gespräch ausklinkt, wird das nicht aufhalten. Er wird nur weniger Einfluss darauf haben, wie es verläuft.
Der eigentliche Streit geht um Beweise, Anerkennung und die Frage, wer prüft
Würden wir die AHM beraten, würden wir ihr raten, ihre mehr als 1.000 Unterzeichner als Hebel für Regeln statt für Enthaltsamkeit zu nutzen. Auf drei Fragen sollte man Antworten einfordern:
- Verifikation: Welcher Maßstab gilt für die Annahme eines maschinell erzeugten Beweises, und wer trägt die Kosten der Prüfung?
- Anerkennung: Wie werden menschliche und maschinelle Beiträge offengelegt, damit Autorschaft weiterhin etwas bedeutet?
- Unabhängigkeit: Wie vermeidet die Community, vom guten Willen eines einzelnen Unternehmens oder von dessen Spenden abhängig zu werden?
Keine dieser Fragen lässt sich klären, indem man dem Raum fernbleibt. Sie werden von Fachzeitschriften, Fachbereichen und Förderinstitutionen geklärt, die Normen formulieren, bevor die Flut kommt. Ironischerweise ist das stärkste Argument der AHM genau das, was sie zu verteidigen vorgibt: Mathematiker sind die am besten qualifizierten Personen, um zu beurteilen, was ein gültiges Argument ist.
Unser Urteil
Die Selbstverpflichtung ist kein Zunftreflex, zumindest nicht nur. Sie ist eine rationale Verteidigung eines fragilen sozialen Prozesses gegen ein Unternehmen, das aus Sicht der AHM die Normen der Community ignoriert hat. Als Signal funktioniert sie, und sie sollte Labore dazu bringen, genauer darüber nachzudenken, wie sie Ergebnisse veröffentlichen.
Als Strategie greift sie zu kurz. Die Mathematik wird nicht durch individuelle Enthaltsamkeit gerettet, und ein Reinheitstest lässt sich mit jedem Semester schwerer aufrechterhalten. Unsere Empfehlung an Mathematiker und an die Fachzeitschriften, die ihnen dienen: Die Selbstverpflichtung als moralischen Anker behalten, die eigentliche Energie aber in die Regeln für Verifikation und Anerkennung stecken. Wer unterschreibt und diese Regeln dann anderen überlässt, hat als Mensch in der „menschlichen Mathematik“ den Streit verloren, der ihm am wichtigsten war.
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